Texte 2000 - 2003 (Auswahl):

Leila 2001, Talk Talk 2001, Little Louie Vega 2002, Hildegard Knef 2002, Thomas Dinger 2002, The Modernist 2003, Jendreiko, Khan, Little Annie 2003, Landkarte, immer - Kopie, nimmer. 2003.

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Leila - brave, new & world

Im Gespräch mit Leila.
Plinkernd, tragisch, leicht und trotzdem manchmal sehr trist, verwunschen und ruff und mit viel zu viel Soul. Leila ist im Grunde so etwas wie das Londoner Pendant zu Super Collider. Groß. Immer wieder. Im Musikbusiness hat sie einen festen Platz. Sie tourte mit Björkcdddddddddsfbbbbbbfgmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmgggfmmmmmffmff

De:Bug: Ich habe dein neues Album gerade erst heute morgen erhalten...

Leila: Oh...

De:bug: Aber ich habe es bis eben dreimal nonstop durchgehört!

Leila: ... bless you, oh my god!

De:Bug: ..., war gar nicht schlimm. Es hat mich nur in eine etwas seltsame Stimmung versetzt. Die Musik ist ein bisschen, tja, ... märchenhaft, und das wird dann leicht etwas gespenstisch...

Leila: Gespenstisch!? - Das Seltsame ist: wird man älter, dann fühlt sich alles, was dich deine Gefühle erleben lassen, gespenstisch an. Weil wir soweit entfernt sein sollen von den Gefühlen. Wir betrachten alles sehr objekthaft und sophisticated. Wenn man als Kind eine Spieluhr hört, findet man das hübsch. Wird man älter, ist das plötzlich gespenstisch. Wir sind ganz schön kaputt. Wir projizieren soviel auf die Dinge.

Auf die Dinge. Leila, Musik, Tapete. Und Leilas Musik, die sicher nicht als Tapete funktioniert. Es geht eher um das Abschaben der Tapete. Gucken, was dahinter ist. Alte Tapete. Und dahinter noch ältere Tapete. Kindlicher Entdeckungsdrang. Schließlich überlagern sich abgekratzte Stellen, Muster verschmelzen. Die Zeiten vermischen sich. Malerei? - Wer kann, entdeckt eine ganz neue, andere Welt. Gespenstisch nicht als etwas Bedrohliches, sondern eher vielleicht wie in Lewis Carrolls 'Alice im Wunderland'.

Leila: Für mich ist das die Aufgabe von Musik. Es ist das, worum es mir beim Musikmachen geht. Ich habe diese - reale - Welt hier um mich herum sowieso schon. Ich will eine neue schaffen. Der gleiche Grund, warum meine Musik nicht klingt wie die Musik von Ich-weiß-nicht-wem. Ich würde nie einfach irgend jemanden kopieren. Aus Respekt. Und weil es für mich keinen Sinn machen würde: Wenn es meine Musik schon gäbe, würde ich der viel lieber zuhören, als sie nachzuspielen.

Das Angenehme an Leilas neuem Album Courtesy of Choice ist, dass die persönlichen Momente nie zum geheimen Tagebuch verkommen, sondern immer dem Hörer einen Zugang und einen Ausgang offen lassen.

Leila: Gestern wurde ich gefragt: Wo sollen die Leute denn Klassik hören!? Ich antwortete: Na, in der Fernsehwerbung natürlich! - Es ist doch egal, WO man es hört! Wer beispielsweise Pop zelebriert und nur Pop hört, weiß nicht, wo Pop herkommt und was ein Stück, wenn es außergewöhnlich ist, zu diesem Besonderen macht. Bei meinem ersten Album auf Rephlex, auf dem sich intensive instrumentelle Stücke mit 'beinahe Popsongs' abwechselten, bekam ich Tipps wie: Mach ein Album mit Instrumentals und danach eine Single mit Gesang. Verstehe ich nicht. Die Chance, die Herausforderung ist doch, beides nebeneinander zu haben. Zuhörer für beides zu begeistern.

Nicht Gesang ist langweilig, sondern die Sänger

Leila: Viele Bekannte von mir fingen an, rein elektronisch Musik zu machen, weil sie Gesang so langweilig fanden. Aber Gesang ist überhaupt nicht langweilig. Wie Gesang zur Zeit eingesetzt wird, ist langweilig. Hör' dir aktuelle Popproduktionen an. Oder Rock, aber Rock ist ja so tot, wie man nur tot sein kann, sogar toter noch als Jazz. Oder diese ganzen Jungs, die behaupten sie klängen wie die Beatles, die nicht mal einen Hauch von den Beatles haben, nicht einen Hauch der Produktion, des Umfeldes, des Gefühls. Sie denken, es gehe nur um Akkorde, Melodie, Lyrics. Dabei wird das Wesentliche vergessen. Erstaunlich, wo WIR heute stehen, und wo die POPMUSIK steht. Das einzig Bemerkenswerte derzeit ist R&B. Und das absolut Erstaunliche, dass Leute aus den unterschiedlichsten musikalischen Lagern anfangen, R&B zu lieben. Das ist es, was gute Popmusik ausmacht: It makes you change your mind!

De:bug: Irgendwann hattest du beschlossen, es selber zu versuchen...

Leila: Anfangs sicher nicht mit der Idee, jemals davon zu leben. Ich habe nie in irgendwelchen Bands gespielt oder so was. Die meiste Zeit meiner musikalischen Ausbildung hieß für mich zuhören. Ich liebe einfach Musik. Also der Punkt, an dem ich anfing, war...ich hatte Klavierunterricht. Aber ich dachte nie, dass es mein Instrument wäre. Um all das spielen zu können, was ich hörte, hätte ich fünf Hände gebraucht. Für die zweite Tour mit Björk kaufte ich mir den kleinen Yamaha Sequencer QY20. Wicked. Ich erinnere mich, mir eröffnete sich eine neue Welt. Es machte plötzlich Sinn. Ich schrieb Basslines, Strings, Beats, alles. Diese kleine Box triggerte mich. Ich begann - für mich - meine eigene Musik zu schreiben. Also investierte ich das Geld von der Tour in ein eigenes Studio.

De:bug: Du benutzt den QY als Sketchbook?

Leila: Also, ich kaufte mir gleich drei. Du kannst deine Tracks zwar im Computer speichern, aber ich mag, wie sie sind, diese kleinen Boxen... Ich habe sicher zwei bis dreihundert Tracks in denen abgespeichert. Ich habe ja keine klassische Ausbildung. Das heißt, ich kann mich nicht mit irgendwelchen Skills rausreden, mal schnell einen Rachmaninoff spielen oder so. Ich kann nichts kaschieren. Ich kann nur pur meine Idee der Welt anbieten. Und ich liebe die Technologie dafür, dass sie mir einfach die Möglichkeit bietet, das alles zu realisieren. Meine gespenstischen Instrumente.

Instrumentalmusik, die nicht Techno et al. ist, heißt ja gleich mal Filmmusik, Soundtrack. Das Filmische. Bilder, die entstehen. Leilas Musik ist anders, prosaisch. Fühlt sich wie Literatur an, erzählerisch, schwärmerisch. Wie eine gute Kurzgeschichte. Dreizehn kleine Novellen. Zärtlich, aber nie zerbrechlich. Und immer bereit für eine überraschende Konfrontation. Und Leila macht natürlich keine reine Instrumentalmusik, obwohl Gesang, Sprache oder Worte eher wie eine zusätzliche Klangfarbe wirken denn als Textbotschaft.

Leila: Also ich finde es gut, wenn man sich die Lyrics etwas erarbeiten muss. Ich glaube, Musik und Lyrics profitieren davon, wenn sie verschmelzen, gemeinsam etwas Neues kreieren. Okay, manchmal leiden die Lyrics schon, aber würde ich sie lauter machen, wäre die Balance, der Impact ruiniert. Also - na gut - ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, aber dieses Mal liegen der Platte die Liedtexte bei.

De:bug: Die Lyrics sind nicht von Dir.

Leila: Nein, das machen schon die Sänger. Naja. Also, diese etwas seltsameren Sachen von Luca, die habe ich einfach auseinandergeschnitten und neu zusammengesetzt. Und er kam an und motzt: Was ist das denn!? (Lacht.) Aber eigentlich mische ich mich da nicht ein. Ein paar Sachen auf meinen Alben finde ich schon etwas cheesy, gleichzeitig mag ich es aber auch.

De:Bug: I'll do the most to win her love ist schon toll. Daß er nicht singt I'll do everything....

Leila: Ja, der Text ist sehr, sehr süß. Sehr toll. I'll fly to the sun with icaruses wings..., das ist cute! Dieses Spiel mit Bildern, mit Metaphern. Ich mochte z.B. in den Achtzigern kaum Indie-Musik, denn da gab es keine Magie. Weder in der Musik noch im Text. Ich mag es, wenn alles ein bisschen magisch ist. Was du mit Märchen meintest. Das ist es, was Kunst und Musik so außergewöhnlich, so überraschend macht: Es kann magisch sein, wenn es will. Anders eben. Und das nicht zu versuchen, finde ich nicht nur langweilig, sondern traurig.

Andreas Reihse, De:bug 40, D 01 2001

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TALKTALK. The Party's Over

warum ich talktalk nicht mag.
neulich auf tour im kreidler bus schob thomas bei größtem unwetter, stau und einer halben stunde verspätung die spirit of eden ein - trotz meiner vehementen warnungen. denn ich wußte es: während um mich herum (incl. in den mitgeführten journalien) sich alle musiker einig waren, brach ich schwerst heroinabhängig hinter dem steuer zusammen...

das war nicht immer so. 1989 war s.o.e. einen winter lang die rum-mach-platte nummer eins. und ein jahr später verzerrte ich mich zur laughing stock geradezu wollüstig in liebeskummer. irgendwann mochte ich die beiden einfach nicht mehr hören. und gerade jetzt in der finsternis der prog-rock-rennaissance heißt mein einziges gegengift (neben der tekkno-familie) der griff zum pop-song. also wenn schon talktalk - dann zurück zum anfang. dachte ich. aber dann:

warum ich talktalk nie mochte.
sommer 1982. die erste talktalk erscheint: the party's over. ich mit12 gerade vom kleinen heavy metal kid durch zig phasen der coolness (a.k.a. ziemlicher uncoolness) im new wave gelandet. talktalk natürlich gar kein thema, außer: guter name, nette videos, okaye britische botanik-meets-surrealistenquatsch-grafik. aber talktalk sagt: steve winwood is psychedelic mod. und kochte neben flog of seagulls, fixx, ultravox, tears for fears (...) ein weiteres mal den mißverständnis-pathos von echo & the bunnymen, u2, call, simple minds, church, kirk brandon (...) für großgewachsene teenies weich.

erst als ich rund zwei jahre später nach einem platteneinkauf in basel - per autostop - im wagen eines mädchens den shame 12inch mix zu hören bekam, sprang eine kleine nische in meinem leben auf. woran es in diesem moment genau lag? - daran daß alle vermeintlichen jungs-spielzeuge am richtigen platz waren? mädchen, auto, plattentasche?

aber ich wußte: pop kann man anders besser buchstabieren und the party is definitiv not over!

andreas reihse (kreidler, april & seasons), intro, D 09 2001

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LITTLE LOUIE VEGA. Man at Work

Hamburg
Zwölfter Dezember. German Dance Awards. Der Hauptsponsor ist abgesprungen. Die GDA wurde dann dank rasch mobilisierter Kräfte doch noch durch- tja, -gezogen vielleicht? Auf einem Lofi-Level, das versuchte, zu behaupten, GROSS zu sein, GLAMOURÖS zu sein und INTERNATIONAL. Und daran ordentlich scheiterte. Zu den Preisen nur soviel: es schadet durchaus nicht a. auf einem Majorlabel zu sein, b. aus der deutschen Hauptstadt zu sein und c. die Promotion über Public Propaganda laufen zu lassen. Letztere übrigens die Veranstalter.

Und wo letztes Jahr Nuyorican Soul nicht kamen, fehlten jetzt Masters at Work. Immerhin konnte Little Louis Vega wenn auch nicht als DJ so doch zum überreichen zweier Awards gewonnen werden. Und stand für Gespräche bereit.

The Bronx
Little Louie Vega, ein höflicher Mitdreissiger. Puertoricaner, Native New Yorker, aufgewachsen zwischen Salsa (Onkel Hector LaVoe am Mikrophon) und gepflegtem Latinjazz (Papa Louie am Saxophon). Glücklicherweise hatte er aber auch zwei nachtaktive ältere Schwestern, die ihn mit dem Rhythmus von Loft, Paradise Garage et al. fütterten. Und ab 13 war er zwischen Rollschuh-Disco, HipHop und dem, was später House werden und heissen sollte, unterwegs:"Afrika Bambaattaa, Jazzy Jay, Afrika Islam - sie alle machten Parties in meiner Nachbarschaft. Da war ich natürlich immer draussen. Und einer meiner Freunde hatte einen älteren Bruder mit DJ Equipment, und so bin ich in die Dancemusic reingerutscht. Mit meinem Stammbaum mußte ich natürlich auch ein Instrument lernen. Von 6 bis 11 hatte ich Klavierunterricht. Daher wohl mein Gespür für Harmonien, für Melodien."

Hey Manhattan
In den 80er Jahren organisierte Vega seine ersten Parties. Wurde von New Yorker Club-Besitzern gehört, geliebt und gebucht: "Ich deejayte dann freitags so erfolgreich, dass der Samstag mit dazukam. Das ist mir öfter passiert. Mein Wochenende sah dann so aus, dass ich zweimal von 10 Uhr abends bis 5 auflegte." In der Woche jobbte er in einer DJ Promotionagentur. Und traf John "Jellybean" Benitez, damals einer der Top DJs und Produzenten, am bekanntesten vielleicht von Madonna. "Er mochte mich sofort, ich erinnerte ihn an seine eigene Geschichte: junger Hispano, in der Bronx aufgewachsen, DJ - auch wie und was ich auflegte. Jedenfalls: er nahm mich unter seine Fittiche." Und gab Little Louis Vega das Sesam-Öffne-Dich für die Türen der New Yorker Produzenten Schickeria in die Hand. Neben Jellybean waren das Shep Petibone, Bruce Forest, die Latin Rascals und Arthur Baker. Vega war von nun an täglich in DEN Studios der Stadt. Nicht etwa als Assistent, eher wie ein geheimes Aufnahmegerät: "Ich saß still da, stundenlang. Versuchte, alles zu verstehen. Ich hätte nie gewagt, zu stören. In den Pausen habe ich dann auch mal was gefragt."

"Jellybean lehrte mir das Business: du brauchst einen Anwalt, einen Manager, einen Assistenten, eine Bankverbindung, mußt Steuern bezahlen und so weiter. Ich lernte so viel von ihm. Naja, dann trennten sich unsere Wege..."

Little Louis Vega erster Release folgte 1986 - ein Remix von Information Society's Running auf dem HipHop Label Tommy Boy. "Damals mischte man die unterschiedlichsten Stile: Also ich HipHop, Reggae, Disco, Soul, die ersten Housetracks, Fusion, sogar Alternative Rock. Alles in einer Nacht, und darum ging es auch. Das habe ich bis heute in mir, Masters at Work natürlich auch: Different Flavors. Das hält die Musik interessant."

"Ich war ein sehr erfolgreicher DJ in New York, es ging damals nicht um das große Geld, aber ich spielte immer vor mindestens 2500 Leuten. Mein Publikum war ziemlich jung. Und irgendwann gab es Probleme. Die Szene wurde gewalttätig, Kämpfe, Drogen und so. Ich wollte weg. Auf eines sophisticateres Level. Wollte ein etwas älteres Publikum. Mit Barbara Tucker startete ich dann Underground Network. Und in den nächsten 5 Jahren produzierte ich Love & Happiness, Deep Inside, eigentlich alle bekannten Remixe, die Platten mit India, mit Barbara Tucker und so weiter. Und hatte eben meinen Club als Homebase für den Masters at Work - Sound. Mit diesen Nächten schuf ich diesen speziellen Vibe, diese spezielle Bewegung. Unser Publikum heute ist eine Mischung aus verschiedenen Generationen. Und wenn ich deejaye, geht auch um so was wie Geschichtsbewußtsein."

Our Time Was Coming
Mit dem aktuellen Masters at Work Album ist Little Louis Vega wieder auf dem Label angekommen, wo für ihn alles losging. Aber Our Time Is Coming ist leider, nun, schlapp. Eine glatte, unspektakuläre Produktion. American Mainstream. Man kann natürlich sagen, dass das nicht wirklich überrasche, weil es sich bereits in den letzten Masters at Work Kollaborationen mit den wahrhaft unvisionärsten (neben der überschätzten skandinavischen Szene) Jazzern around angedeutet habe: "Für ein Nuyorican Soul Demo hatten wir dem Gitarristen gesagt, spiele wie George Benson! Unser A&R meinte dann, warum wir nicht direkt Benson fragen würden. Wir waren ja auf dem gleichen Label. Es kam zu einem Treffen, und wir spielten Mr. Benson unser Stück vor." Der reagierte zwar erst irritiert, spielte dann aber begeistert auf; und die Masters at Work revanchierten sich später durch Mitarbeit auf Bensons nächsten Album. "Roy Ayers war sowieso ein Wunschkanditat für Nuyorican Soul: Wir wollten ihn, Tito Puente, India, Jocelyn Brown. Als wir dann mit Tito arbeiteten, meinte er, warum holt ihr nicht noch Dave Valentin und lasst ihn Flöte spielen. Wir dachten, ja cool, und holten gleich seine Allstars."

Das klingt zwar aufregender als Guru's Jazzmatazz, aber unaufregender als die Mp3 Library, die Apple bei iTunes mitliefert. Ist das der Versuch, einen Weg in die amerikanischen Charts zu finden? Musical Skills zu zeigen? Dem Family-Tree Respekt zu zollen?

"Skills, Respekt, schon. Aber das haben wir natürlich auch mit Nuyorican Soul getan. Die Kids lieben die Dubs, ältere Leute lieben Songs. Dieses Album ist mehr sophisticated. Aber zum Beispiel Work, das ist schon für die Clubs. Ich denke, da ist für jeden was drin. Das Album hat natürlich eher ein Bandfeeling als ein Housefeeling. Aber kein Downtempo, es ist alles Uptempo. Und es hat das, was ich 'Culture' nenne: Work ist ein Socca, Trinidad; Tribute to Fela - Afrobeat; der argentinischer Gitarrenspieler - Latin Rhythmus; dann auch R&B; das Stück mit India - vielleicht Latinsoul..."

Aber keine Angst, es kann noch viel gruseliger werden: "Was Du glatte Produktion nennst, das ist eben eine Seite von uns. Aber wirklich nur eine. Das nächste Album wird wieder ganz anders. Mehr Keyboards, Drum-Computer, vielleicht Alternative Rock Sänger, vielleicht Gitarren - wir denken zumindest an ein Elektro-Gitarren-Feeling." Our time is coming? "Genau deswegen der Titel. Jetzt bringen wir Alben raus. Für mich waren die letzen elf Jahre Lehrjahre. Wenn Du gute Sachen machen willst, heisst der Schlüssel: Preparation and Knowledge. Kenny und ich haben das Produzieren gelernt, von klein auf. Und ab jetzt fliesst unser Wissen in unsere EIGENEN Alben."

intro, D 02 2002

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HILDEGARD KNEF. Wieviele Menschen waren glücklich, dass du gelebt?

Die Herren Dieser Welt.
Früher spielte ich einer Band namens Deux Baleines Blanches. Wir klangen so ähnlich wie heute vielleicht Kante. Nach Pop/Bowie's Nightclubbing und Sundown von Hazlewood/Sinatra versuchten wir uns 1993 an Die Herren Dieser Welt. Soweit ich mich erinnere, übten wir den Song damals für ein Coverversionen Festival - ausgeschrieben von der schicken Popgazette Snap - im Kölner Club Underground. Naja, schlussendlich spielten wir 'was von Franz Josef Degenhardt, wo unser Sänger den Text vergaß - was aber eh niemandem auffiel - und einen Cartoon von Felix Reidenbach. Vielmehr den dann doch nicht, weil vor uns irgendein Witzbold auftrat, und wir uns dann so vorkamen, als würden wir versuchen, ihn doof zu toppen, und dann liesen wir mal wieder lieber die Düsseldorfer Ernsthafter raushängen (- nicht-ganz-so-schlimm, nachzuhören auf der Finlayson-Cd Songs For Various Occassions).
Die Herren Dieser Welt ist ein Chanson von Hildegard Knef. Und den nachzuspielen, da kam man sich schon ganz schön erwachsen vor. Ganz programmatisch wurde der Songtext auch in der Snap abgedruckt. Wahrscheinlich hatte uns sowieso Sebastian, einer der drei Herausgeber des Magazins, mit Hildegard Knef infiziert.

Das grandiose Hurenkonzept.
Hildegard Knef war eine der letzten Diven, sicherlich die letzte aus Deutschland. Sie war Schauspielerin und Sängerin. Sie sang auch politische Lieder und zeigte einmal im Film Die Sünderin kurz ihre Brüste. Letzteres war natürlich ein großer Skandal in Deutschland. Ein noch größerer war ihre Freundin, der das Land der Inge Meisels und Heinz Rühmänner nie verzeihen wollte, dass sie - an vorderster Front - gegen Nazideutschland kämpfte, Marlene Dietrich (dazu war sie promiskuitiv, bisexuell, glamourös, dabei immer des eigenen Bildes bewusst und in control - das role model für Madonna).
Hildegard Knef war doch ein bisschen anders. Sie wollte nicht in der Festung der Einsamkeit vertrocknen wie M. Dietrich und wahrscheinlich auch M. Jackson. Auch nicht dieses grandiose Hurenkonzept durchziehen wie Andy Warhol oder Truman Capote.
Sie war dann doch mehr grande dame und trug in sich eine ähnliche Würde wie einst die britische Aristokratie.
(Glücklicherweise wurde nie auf sie geschossen, der einfätige Xena/Creed/Harrison/etc.-Biograph Marc Shapiro spricht kein deutsch, und solch ein schwachsinniger Katja Flint Rip-off bleibt ihr hoffentlich auch erspart. (Beinahe: aber zur Ehrenrettung der überflüssigen Remix-Cd Reformsessions sei gesagt, dass die Einladungen zu dieser schon vor Hildegard Knefs Tod ausgesprochen wurden.))

Der geschenkte Gaul.
Der Schauspieler und die Chanteuse schreiben eine Biographie. Genauer: sie diktieren dem Ghostwriter ein paar Eckpunkte. Und das ist allemal ein Lacher wert, aber oft auch nur Mitleid mit der geschundenen Kreatur, die es nicht mal jetzt merkt, in der Rückschau, siehe Wolfgang Flür beispielsweise.
Natürlich nicht so Hildegard Knef. Sie war immer auch eine Frau des Wortes, sie schrieb die meisten ihrer Texte selbst. Und Der geschenkte Gaul liest sich wie die Mischung aus solch soft-skandalösen Heulern wie Helmut Bergers Ich und deutscher highclass Nachkriegsliteratur wie Georg Glasers Geheimnis Und Gewalt. Jedenfalls ein Stück deutsche Geschichtsschreibung. Banal bis Atemlos Aufregend.

Wieviele Menschen waren glücklich, daß du gelebt.
Die schönste Hommage an Hildegard Knef ist Justus Köhnckes Album Spiralen Der Erinnerung. Wie er die 'fremden' Stücke mit seiner eigentlich ungeübten Stimme vorträgt, sich zu eigen macht. Weil auch er weiss, dass es bei großer Kunst um etwas anderes geht, als um formelhaft leere Virtuosität, dass es um Inspiration geht, um Charmanz geht, um Gefühle geht. Wieviele Menschen sind glücklich, dass du gelebt.

intro, D 05 2002

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THOMAS DINGER. Eine Wölbung in der Wand

Bei einem Treffen der Truppe, die la!NEU? in Japan live präsentieren sollte, sprach Rembrandt, der Jahre zuvor, um seinen Helden la Düsseldorf nahe zu sein, aus den Niederlanden nach Düsseldorf gezogen war - eine Kontaktaufnahme sollte ihm aber erst, Jahre später zurück in Holland gelingen - und jetzt - wiederum Jahre später von Klaus Dinger als "Wild Card" am Klavier eingeladen, freudig erregt auf 'meinem' Schlagzeuger Thomas ein. Nach einer halben Stunde merkten wir, dass er ihn mit Thomas Dinger verwechselt hatte.

Erdbeeren auf dem Feld für immer
Ende der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in präpubertärer Zeit, als ich noch die Ausdauer hatte, schlechte Musikfernsehprogramme zu schauen, in der Hoffnung auf vielleicht ein gutes Stück, sah ich - vermutlich in der Plattenküche - la Düsseldorf. Und blieb äusserst unbeeindruckt. Wenn schon Viva dann doch bitte die gleichnamige Hardrockcombo um Barbara Schenker, Schwester des coolen UFO Gitarristen Michael, dachte ich damals - ungehört.

Ende der Achziger Jahre des letzten Jahrhunderts, während meines Praktikums in einer Düsseldorfer Werbeagentur, schwärmte der etwas ältere Hausillustrator mir von la Düsseldorf vor. Ich blieb immer noch unbeeindruckt, aber zumindest die NEU! Platten wollte ich schon haben. Ich fand sie dann auch relativ preiswert, als ich noch die Ausdauer hatte, Flohmarktkisten zu durchwühlen, in der Hoffnung auf (s.o.)... Und von den drei NEU! Alben war ich dann doch sehr beeindruckt.

Unschlitt
1976 wurde die erste la Düsseldorf veröffentlicht. Der rauhe, undergroundige 'Künstler-Style' von NEU! war zu einem eigenwillig glamourösen Look gemorpht: Verspiegelte Sonnenbrillen, weisse Stiefel, lange wehende Haare und Lederjacken mit dem la Düsseldorf Schriftzug. Vorallem dank Thomas Dinger brachte la Düsseldorf ein Glitzern in den deutschen Pop. In ihren weissen Overalls - eigentlich von Klaus aus der Not geboren, mit wenig Geld einen individuellen Look zu kreieren - waren sie neben Kraftwerk die einzige ernstzunehmende Idee von Glam, die gegen das anglo-amerikanische Rockdiktat antrat.

Und nach der Punkrock Blaupause NEU!75 - auch schon mit Thomas Dinger und dem ehemaligen Conny Plank Assistenten Hans Lampe an den (zwei) Schlagzeugen - lieferte la Düsseldorf jetzt u.a. die Vorlage für Bowies Deutschland Trilogie Heroes/Low/Lodger.

Die erste la Düsseldorf verkaufte auf Anhieb sechstellig. Das zweite Album Viva war noch erfolgreicher. Silver Cloud und Rheinita in der Schlager-Ralley, Videoclips, Auftritte bei Gottschalk und in der Plattenküche. la Düsseldorf trat wie eine Gang auf, und die Brüder strahlten eine energetische Euphorie aus. Nothing can stop us now!

Für Euch
1994 sollte ich Klaus Dinger kennenlernen, mit ihm schier endlos scheinende Gespräche führen, Drogen nehmen, in der Natur rumsitzen, ans Meer fahren und natürlich auch Musik machen. Und über diesen persönlichen Kontakt begann ich endlich auch la Düsseldorf zu hören, zu verstehen und die meisten Stücke auch zu lieben.

Mit seinem Bruder Thomas kommunizierte er seit Jahren nur noch indirekt - aber immerhin über die Mutter (nicht mehr via Anwalt). In seinem Studio stand eine zerbrochene Für Mich, Thomas Dingers Solo Album von 1981, Klaus hatte sie zertreten, was ihm da aber schon sehr leid tat.

Thomas Dinger wurde 1952 in Düsseldorf geboren, sechseinhalb Jahre jünger als Klaus.

Rock
Ein tolles und wichtiges NEU!-Dokument ist ihm zu verdanken, als er 1972 bei einem Rehearsal den Aufnahmeknopf am Cassettenrekorder drückte. Der vermutlich einzige erhaltene Live Mitschnitt (Cd via Cpt. Trip) zeigt, wie schwierig es war, NEU! auf die Bühne zu bringen: Dinger /Rother versuchten hier Eberhard Kranemann in ein mögliches Live Lineup zu integrieren. Während sie sich aus reinem Noise immer wieder in kraftvolle Momente steigern, kann Kranemann das nicht aufnehmen und schlägt nur sperrig schräg dazwischen.

Etwa um die gleiche Zeit machte Klaus seinen Bruder mit seiner Idee des Schlagzeugspiels vertraut.

Home sweet Home
1997 Ende und Neu. Klaus kriegt das Go! von Thomas für die la Düsseldorf re-issues. Klaus kümmert sich um die Wiederveröffentlichung von Für Mich. 1998 Thomas Dinger spielt Violine auf dem la!NEU? Album Goldregen. 1999 die erste 1-A Düsseldorf.

Wir sitzen in Zeeland im wild wuchernden Garten hinter Klaus Haus. Ein kleines Zeltlager. Thomas geht nur selten mit den anderen ins Studio. Sitzt lieber draussen in der Sonne. Klaus ist besorgt um ihn, es geht ihm gesundheitlich nicht so gut. Vor der Garage verottet ein altes Holzboot, das Thomas damals wieder seetauglich machen wollte.

Koksknödel
1980 das - vorerst - letzte la Düsseldorf Album. Ein düsteres Cover. Blaue überbelichtete Polaroids: abfotografierte Videostills. Hingekritzelt ein 'la D.' Und der Titel. Individuellos... Der Teldec promo-sheet sagt nicht viel: "la DüSSELDORF/DIE NEUE LP: INDIVIDUELLOS/Schma." Aber auch die ersten Autoren Credits für Thomas Dinger.

Für damalige Verhältnisse floppte die Platte - in den ersten Monaten nur 30.000 verkaufte Exemplare. Und aus dem angekündigten Millionen-Deal mit der EMI wird nichts.

1981 Für Mich. Thomas unterstützt von Hans Lampe. Im la Düsseldorf Studio - ohne Klaus.
Das Aussen- und Innencover zeigt warholeske Portraits: Polaroids - Thomas geschminkt mit hochtoupiertem Haar, mit Dauerwellen, mit Lockenwickler - von schönem androgynen Wesen zum alten Mann mit weisser Maske.
Image und Coverartwork, da macht den Dingers niemand was vor.

1983 noch eine la Düsseldorf Maxi. Die Dinger Brüder hatten beide Häuser in Zeeland erworben. Und bauten eine alte Scheune auf Klaus' Grundstück zum Studio aus. Thomas verziert Instrumente mit silbernen Pailetten. Thomas mauert eine Wölbung in eine Wand. Es riecht nach LSD.

Zu dritt bereiteten sie den Umzug von Düsseldorf vor. Dann, zwei Tage bevor der bestellte LKW kommen sollte, flatterte Post ins Haus. Ausfuhrverbot von Studio-Equipment. Eine einstweilige Verfügung von Hans Lampe. Natürlich ging es um Geld. Geld, das aber nicht da war. Das nie da war. Klaus Dinger wurde verstrickt in eine endlose Prozessarie - erst vs. Lampe, dann vs. Bruder Thomas, danach vs. Plattenindustrie. Darüber starb der Vater von Klaus und Thomas, platzten Verträge, stiegen die Schulden.

Overtüre
Mitte/Ende der 80er trifft Thomas Dinger auf Nils Kristiansen, einen jungen Düsseldorfer Künstler. Sie freunden sich an, beginnen zusammen Musik zu machen. 1-A Düsseldorf soll das Projekt später heissen.

Thomas macht Aufnahmen mit dem begnadeten Sänger Damo Suzuki (ehemals bei Can, der stimmte aber bisher einer Veröffentlichung nicht zu). Und Thomas beginnt zu filmen, beteiligt sich an Ausstellungen.

Ab Ende der Neunziger wird man ihn dann wieder gemeinsam mit Klaus bei Eröffnungen und Konzerten treffen können. Und wenn man die beiden ungleichen und doch so ähnlichen Brüder sieht, spürt man etwas von der Kraft und Energie, die dieses Paar einst gehabt haben muss.

Und Thomas Dinger ist dabei beim NEU! Videodreh. Er ist dabei, und er ist wieder da.

Hinter der Zuckerdose ist Krieg
Im April diesen Jahres stirbt Thomas Dinger in Düsseldorf. Er ist nicht einmal 50 Jahre alt geworden.

 
(alle Zwischen-Headlines: Songtitel von Thomas Dinger)
Groenland heisst das von Herbert Grönemeyer gegründete Label. Durch seinen nimmermüden persönlichen Einsatz ist erst die Wiederveröffentlichung der drei "klassischen" NEU! Alben möglich geworden. Sonst u.a. auch Heimat von Bombai - des Projektes von Pyrolator und dem Düsseldorfer Filmemacher Mucha. Dingerland ist die offizielle Klaus Dinger Seite. Betreut vom Bochumer Physiker Dr. Gawlista, der auch als Musiker in Erscheinung tritt (z.B. Die with Dignity: Kraut? ( la!NEU? Cd)). Alles über NEU!, la Düsseldorf, Engel des Herren, la!NEU? etc. Photos, Texte, eine sehr präzise, sehr knappe Autobiographie, viel Skurilles, z.B. eine alte Postkarte der zwei Kraftwerks an Klaus Dinger etc. Captain Trip, das Tokyoer Label von Ken Matsutani, Lebensretter von Klaus Dinger in den 90er Jahren, als der (westliche) Industrie-Boykott gegen ihn die höchsten Wellen schlug. Auf Captain Trip findet man (fast) alle Dinger-Projekte. Daneben Matsutani's eigene Band Marble Sheep, deutschen Krautrock, japanischen und anglo-amerikanischen Psychedlic-Rock, Punk- und New Wave - u.a. auch viele Re-Issues Düsseldorfer Verschwende Deine Jugend Helden. (Günstige Versandkonditionen.) Schliesslich Fünfundvierzig, der Vertrieb eines Großteils (nicht alles ist erlaubt in Europa...) der Captain Trip Veröffentlichungen.
NEU!75 bei Grönland/EMI alle anderen VÖs bei Captain Trip.

intro, D 08 2002

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JÖRG BURGER. The Modernist

Das Problem der Jugendkultur ist ihr Altern. Sie löst sich nicht auf oder implodiert, sondern wird ein meist gasförmiges, bestenfalls waberndes Etwas. Retro. Die Mods zum Beispiel. In den Sechzigern uniformierten sie sich - parallel zu den Skinheads - in einer völlig überzogenen Workingclass Ästhetik. Hyperaffirmation als größtmöglicher Protest gegen die Eltern. Der wahre Mod der 80er wäre dann der Popper in seinem VW Golf gewesen. Und eben nicht die Lambretta Jungs aus Leverkusen. Der wahre Modernist weiss sich zu wandeln. Und - bei allem Respekt der Vergangenheit gegenüber - der wahre Modernist ist immer vorn an:

The Modernist is back!

Comeback war das erste Lebenszeichen, eine 12inch Anfang des Jahres auf Wonder. Den Titeltrack kann man noch gut in den bekannten The Modernist Katalog einordnen: ein freundliches Hallo, da bin ich wieder! ein federnder Floorstomper. Kodak Moments zeigt seine Liebe zum Pyrolator während der Wunderland Phase. News Value dagegen überrascht doch etwas: die Gitarren erinneren eher an sein Las Vegas Projekt als an das kühl-digitale The Modernist Image.

Aber The Modernist ist auch im Techno an einem speziellen Begriff der Schönheit interessiert: er liebt klassische Popharmonien, die Gitarren eines Roddy Frame oder eines Edwyn Collins; die großen Gesten eines Martin Fry oder eines Kevin Rowland. Das waren 'seine' 80er.

Und so dachte er Song-Strukturen in die swingende Jetztzeit um:

Sei es in seinem melodiösen Alterego Bionaut, das sich von sphärisch upliftendem Trance (in kölschem Sinne!) zu einem eher ruhigen und eher für zuhause Songwriting wandelte; oder als Trinkwasser mit Lothar Hempel - zwischen Pet Shop Boys, New Order, The Smiths mit enormem Popappeal straight für die Charts (zumindest in einer anderen Welt...); natürlich mit Mike Ink (alias W.Voigt) als Las Vegas - Amerikamythen, Roxy und Glamrock; schliesslich PopUp, die zwingend naheliegende Kollaboration mit seinem Novizen Antonelli Electr. - wie The Modernist für den Club. Immer gilt: Pop als Haltung. Pop als Behauptung.

Und jetzt Kangmei. The Modernist's drittes Album. Und es ist, als würden sich all diese Stränge, die er über die Jahre ausgelegt hatte, hier vereinen.

Kangmei startet verführerisch, ein Neon-Folk Song, der selbst eine Richard Serra Stahlplatte zur Rührung bringen würde. A Goldberg Violation, Verletzung statt Variation oder Mickey Finn (eine Referenz an den jüngst verstorbenen Bongo-Spieler von T.Rex, über den Marc Bolan sagte: 'er kann zwar nicht singen, aber er sieht höllisch gut aus.') das klassische Modernist-Motiv - hüpfende Synkopen, FM Synthese, extrem knackig produzierte melodiöse Kölngroover. Prozac Europe, Kangmei pt. 1 & 2 oder Protest Song vereinen aufs Schönste Nachdenklichkeit und Euphorie: die melancholischsten Vocoder des Frühjahres. Dann zum Beispiel When We Were Golden - erstaunlich, was für ein Händchen der Modernist hat für schmeichelnde Melodien; erstaunlich, wie die Gitarre zu keinem Zeitpunkt daneben klingt, in einer Musik, die doch Techno! Techno! Techno! schreit; erstaunlich, wie er dabei auf dem schmalen Grad balanciert zwischen Kitsch und hoher Kunst, ohne je abzustürzen. Oder Magic Lantern - eigentlich nur ein kleines Reprise, aber: gegen dieses Kleinod kann ein ganzer Schwung Pärchenpop-Duos einpacken. Ein paar Bilder weiter, der Japaner in Düsseldorf, vielleicht auch auf der Golden Gate Bridge, ein paar Bilder nur - beinahe ein versöhnliches Ende, doch der rockende MK Spitz will, dass man die Platte umdreht und von vorne beginnt. Tun wir ihm den Gefallen.

Kangmei. Amerika. Wir kennen die Produktionen und Labels des Modernisten: Virtual Elvis. Interstate 10. Burger Industries und Eat Raw. Wild Horse Annie. Johnny Cash. Fort Knox. Nashville und Las Vegas. Pop Art. Silicon Minor, im Gitarren Valley. Magic Lantern, der angebliche Computervirus des FBI. Immer wieder: Amerika. Kangmei ist chinesisch für: Widerstehe Amerika! Ein Protest Song. Gegen die Arroganz, gegen den Imperialismus, gegen die Dummheit. Auch in Prozac Europe und auch im Wissen darum, dass man doch so vieles und so viele aus Amerika liebt.

Kangmei/Widerstehe Amerika heisst: lass dich verführen, aber bleibe wach!

Love makes the difference, "nur ein Lächeln bleibt!"

press, D 03 2003

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JENDREIKO, KHAN, LITTLE ANNIE.

Jendreiko, Khan und Little Annie: Ein Reggae-Album auf italic?
Vielleicht - aber daß da etwas so nicht stimmt, merkt man bereits beim ersten seltsamst auf halber Strecke abgestoppten Echo.

Eher eine hormongetränkte wilde Mischung aus Sprechgesang und mal harschen, immer aber federnden Rhythmen. No Wave auf Ragga-Füßen - aufgenommen in den Epi-Zentren der Populärmusik - New York City, Mexico City und Düsseldorf.
In Schwulitäten zwischen Khan und Jendreiko: auf deren Beat, auf deren Bass, auf deren kräftig soul-elektrische Harmonie setzt Little Annie ihr Wort. Kein Rap, kein Toasting - Spokenwords rule. Aber wenn ihre Stimme eine Melodie aufnimmt und sich zum Gesang aufschwingt, ist sie doch näher dran an der Laszivität einer Grace Jones und der Emotionalität von Marianne Faithful als an der Einsamkeit Wanda Robinsons.

Setz' Dich Downtown New York in sonnendurchfluteter Schwüle einfach auf die Treppenstufe neben Annie, und sie wird anfangen, Dir zu erzählen. Ist nicht im Kino gewesen, hat's nicht in Büchern gelesen - das sind Geschichten, die sind nicht geklaut. Annie Anxiety ist abenteuerlustig. Reist durch die sichtbare Welt. Mimt die verruchte Chanteuse, sieht, hört, ist mitten drin, sammelt ein auf der Straße, schreibt Ihr Buch allabendlich. Und gibt dann wieder auf der Bühne. The Broad-way is the hardest way: Innen wie Aussen.
Ihre Texte sprechen von Erlösung erst und dann Sünde. Backtrack Jack, beispielsweise, der Pepsi Cola Song, damit natürlich eine lose Hommage an Leigh Bowery's Useless Man - aber lange nicht so versaut. Oder 2nd Avenue Blues: erzählt vom sich Schälen. Schwimmt die Zwiebel ohne ihre sieben Häute eigentlich oben? Und Bleach ist mein favorite Cliché. Selbst in der größten Morbidität klingt das alles unheimlich sexy.

Jendreiko, Khan und Little Annie: Ein Reggae-Album auf italic?
Three Rockets in a Dub? In der Gnade Deiner späten Geburt willst Du ganz unschuldig sagen: Slam-Poetry trifft dubigen Electro-Clash?
Und wenn schon: So soll es jedenfalls klingen, das Loversrock-Album des Jahres.

Die Darsteller:

Little Annie
Anarchistenpunk im Crass-Lager und Zauberfee im On-U-Universum. Oder doch Chanteuse, Autorin, Multi-Media Künstlerin (- mal nicht als Schimpfwort) und queenie Cabaret Queen...? Jedenfalls fälscht sie ihre Tagebücher selbst.

Christian Jendreiko
kommt vom Theater, spielte in den 8oern so was wie NDW-Punk, bis heute Jazz, vorallem im Electric Jazz Ensemble. Veröffentlicht als er selbst wie auch unter Studio Appartment oder Vic Doirée auf dem Londoner Label Flesh Records. Wie nebenbei ist er das Musikdepartment des hobbypopMUSEUM.

Khan Oral
War bei der Geburtsstunde von Frankfurt Tekkkno dabei. Versuchte dann vor Jahren dem New Yorker elektronische Musik und /-es Leben nahezubringen. Beschloß das und travelt stattdessen locker mit falschem Pass um die Welt - mit hundert Veröffentlichungen im Gepäck.

Und als Gast: Kid Congo Powers an der Rhumbarassel in Bleach. Klar, die Cramps, der Gun Club, die Bad Seeds. L.A., New York, Mexiko City sowieso. Und erzähl' mir nichts von Deinen Drogen, ich hatte sie alle. Releast unter eigenem Namen die knarzigsten Stimmen, Gitarren und die sleazigste Nachtmusik.
Abgemischt von: Cem Oral alias Jammin' Unit. In seinem Studio in der kleinen Stadt ohne Namen an der Spree.
Gemastert von: Olaf Dettinger in Köln.

press, D 07 2003

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Landkarte, immer - Kopie, nimmer. (Jahresrückblick elektronische Musik)

Diesen Oktober verbrachte ich mit Kreidler dank Goethe in Südostasien. Neben acht Konzerten stand in Singapur ein Seminar an: Tendenzen elektronischer Musik in Deutschland. Ich hatte mir zehn Punkte notiert, sprach viel über Haltung: dass sie es sei, die interessant sei, elektronisch, elektrisierend. Nicht das Equipment. Das ist von Nu-Metal bis Volksmusik schließlich dasselbe.

Keiner kannte übrigens Kraftwerk. Beste deutsche Band. Seit Jahrzehnten. Schicken Madonna mal eben Post vom Anwalt, weil sie sie kopiert. Touren nach 20 Jahren Verhandeln durch Australien, weil die Konditionen endlich stimmen. Fahren Rad statt im Studio zu sitzen. Hatten neben Klaus Dingers la Düsseldorf ("White Overalls") als einzige dem angloamerikanischen Glamourösen 'was entgegenzusetzen. Hatten und Haben - wie man bei den MTV Music Awards sehen konnte. Und waren nonstop auf Eurosport zu hören. Dass dieser Song vielleicht nicht ihr bester ist, macht nichts. Vorbildliche Haltung, perfekter Stil, tolles Album, tolles Artwork, hervorragende Klanggestaltung - und neu!: klingt sogar fett. Daß die deutsche Musikjournalie mal wieder zu dämlich war, unsere einzigen internationalen Helden auf die Heft-Cover zu pappen, ist ein anderes Thema.

Weiter im Rheinland mit The Modernist. Jörg Burger, der Mann dahinter, hat mit unzähligen Projekten, u.a. als Bionaut und mit Mike Ink führend dazu beigetragen, daß heute Köln auf der Landkarte der elektronischen Musik neben Chicago und Detroit liegt. Er hatte immer die melodiösesten Tracks und so ist auch sein neues Album sehr hübsch, sehr Pop geworden und macht Spaß beim Zuhausehören. Apropos Bionaut: Burger hat gerade einen Apple/Musiksoftware-Laden miteröffnet.

Apropos Burger, hinter dem gelben M, einer amerikanischen Fastfood-Kette, das man jüngst im Fernsehen bildfüllend hinter der protestierenden Menge in Tbilisi sah - wo die vom CIA an die Macht geputschte Präsidentin meinte: Georgiens Zukunft liege in Amerika; anstatt in Europa - jedenfalls hinter dem gelben M den Berg hoch, und man steht vor der Tür von Tusja Beridze. Ihr kennt vielleicht ihre Stimme von einigen Nikakoi Stücken. In ihrem 5qm großen Zimmer produziert sie ihre eigene Musik. Letzten Mai wurden Kreidler von einem Freund nach Tbilisi eingeladen. Ich schlug ihm vor, Thomas Brinkmann mitzubringen, und so konnte ich wiederum ihm Tusja vorstellen. Es gab keine Fragezeichen, und er veröffentlichte tatsächlich Tba - das schönste, unerwartete Album des Jahres und das Album des Jahres.

Brinkmann, also. Released auf seinem Label max.E. nur Gutes. Sollte auch auf einem jüngst an die Industrie verkauften Londoner Label seine zweite Veröffentlichung haben, aber irgendwie schienen die es u.a. nicht zu schaffen, einen Sample zu klären. Was macht Brinkmann? Er zieht das Album - mit Tracks, Remixen, Versionen von ihm und über ihn - zurück, presst es selbst und verschenkt die gesamte Auflage: als Bonus Cd zu einer Maxi und bei seinen Auftritten.

Bei gleicher Londoner Firma - ein großes Synthie-Pop-Trio macht große Pause: Der eine gründet ein langweiliges Label mit doofem Namen, der andere macht langweiligen Rock, und der dritte bringt sein zweite Platte mit Coverversionen raus - die erste klang aber leider inspirierter. So soll es wohl sein.

Rock unlangweilig brachte uns M. Schmickler: Julie Cruise am Mikrofon, Gitarren eingestöpselt: Ätherischer Gesang zwischen Schichten von Sound-Clustern. Da öffneten sich für viele natürlich die Pforten zur Referenzhölle: Twin Peaks, My Bloody Valentine, Velvet Underground, White Noise, Schönberg, etc. Aber dafür mache ich hier kein Platz, lieber kurz: Dass es dieses Jahr an inspirierendem Krach zweierlei gab: Low-Fi die White Stripes und am Hi-End Pluramon.

Khan hatte ein paar Alben früher auch mit Cruise zusammengearbeitet. Hier aber mit Jendreiko, Studio Apartment und am Mikrofon die New Yorker Chanteuse Little Annie. NoWave auf Ragga Füssen. Verweist auf Zeiten, als Dub noch kein Schimpfwort war. Reggae für Reggae-Hasser wie mich. Grandios.

Wenn ich schon so Köln-, Freunde-, Vorbeigehört-Weil-Uneindeutig-lastig bin, dürfen Coloma mit ihrem zweiten Longplayer nicht fehlen. Rob Taylor singt gewohnt großartig gegen die sperrige Elektrik von Alex Paulick an, und Summerclothes hätte ein Sommerhit werden müssen - vielleicht 2004.

Was war mit Hauptstadt? Wie immer, nicht viel, aber natürlich Chicks on Speed. Die rocken live wie nichts Gutes, an ihrem Album dagegen haben sie die Kanten und Schrägen weichgefeilt. Und schielen damit schwer Richtung Charts. Helft ihnen!

London? Kylie mit toller Single, Pet Shop Boys schon okay so. Aber die Alben besser im neuen Jahr in Ruhe hören.

Und die freie Welt? - Das schönste, schwulste Gegenmodel zu Allem war 1/2 Matmos: Soft Pink Truth. Da muß man sich mal kurz eingrooven, dann kann man nicht mehr loslassen. Neben Farrell Williams sicher das Aufregendste dieses Jahr.

A Rocket in Dub - If Music Could Talk (Italic)
Chicks on Speed - 99 Cents (Universal)
Coloma - Finery (Ware)
Kraftwerk - Tour de France Soundtracks (Emi)
Little Annie & the Legally Jammin' (Italic)
Modernist - Kangmei (Wonder)
Nikakoi - Sestricha (WMF)
Pluramon - Dreams Top Rock (Karaoke Kalk)
Soft Pink Truth - Do you party? (Soundslike)
Tanks a Lot - A Free Urus Martan Mix (max.E.)
Tba (max.E.)

WOM Journal, D 12 2003

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